Potentiell Betroffene zeigen erste Symptome schon im frühen Erwachsenenalter

COPD beginnt unmerklich aber messbar

von Holger Westermann

Die ersten Beschwerden werden zumeist ignoriert oder überspielt; nicht um andere zu täuschen, sondern weil man sich auf die marginal verminderte Lungenfunktion gut einstellen kann. Den meisten Betroffenen fällt diese Verhaltensanpassung selbst kaum auf. Doch offensichtlich ist das frühzeitige Auftreten von Symptomen ein wichtiges Indiz für das Risiko einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung.

In einer Langzeitstudie auf Basis der Daten aus drei großen Kohortenstudien (Framingham Offspring Cohort, Copenhagen City Heart Study, Lovelace Smokers Cohort) wurden zwei Gruppen, die sich in ihrer Lungenleistung unterschieden, miteinander verglichen. 657 Personen erreichten bereits vor ihrem 40. Geburtstag nur noch einen FEV1 (Ein-Sekunden-Kapazität der Lunge beim maximal Ein- und Ausatmen, Forced Expiratory Volume in 1 second) von weniger als 80% des altersadäquaten Werts. Als Vergleichsgruppe dienten 2.207 Personen mit einem basalen FEV1 von mindestens 80% des Erwartungswerts. Die Probanden wurden 22 Jahre lang in Hinblick auf ihre Lungengesundheit beobachtet.

Unter den Personen, die bereits in jungen Jahren eine eingeschränkte Lungenfunktion zeigten, war das COPD-Risiko besonders groß:

  • 26% (174 Personen) mit einem FEV1 < 80% (vor dem 40. Lebensjahr) erkrankten innerhalb des Beobachtungszeitraums an COPD.
  • Jedoch nur 7% (158 Personen) mit einem FEV1 > 80% (vor dem 40. Lebensjahr).


Die Forscher erkannten bei der Datenanalyse vier Entwicklungsszenarien (Trajektorien) für den FEV1 und die nachhaltige Lungengesundheit:

  • Trajektorie 1: Das häufigste Szenario beginnt mit einem hohen FEV1 zu Beginn der Beobachtung im Alter von knapp 40 Jahren und zeigt dann einen gleichmäßigen altersbedingten Abfall. Hierbei entwickelt sich nur selten eine COPD.
  • Trajektorie 2: Ist der FEV1 bereits in jungen Jahren vergleichsweise niedrig, sinkt er in den kommenden Jahren kontinuierlich, aber auf deutlich niedrigerem Niveau. Doch zumeist verläuft diese Entwicklung stabil und es entsteht nur in Ausnahmefälle eine COPD.
  • Trajektorie 3: Beim Beginn der Beobachtungen noch lungengesunde Erwachsene mit einem normalen FEV1 verlieren überdurchschnittlich schnell an FEV1 und erkranken im Alter mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit an einer COPD. Das entspricht dem derzeitigen Konzept der COPD-Pathogenese.
  • Trajektorie 4: Menschen, die bereits im jungen Erwachsenenalter nur einen geringen FEV1 erreichten, erkranken schon nach einem moderaten aber stetigen Abfall des FEV1 im Alter mit hoher Wahrscheinlichkeit an einer COPD.


Der wichtigste Grund für eine Entwicklung nach dem Szenario Trajektorie 4 ist offensichtlich das Rauchen. In dieser Gruppe gab es im Vergleich zum Gesamtdurchschnitt deutlich weniger Nichtraucher (14 anstatt 32%) oder ehemalige Raucher (8 anstatt 19%), jedoch deutlich mehr Personen, die bereits vor dem 14. Lebensjahr mit dem Rauchen begonnen hatten (11 anstatt 3%). Dieser frühe Start der Raucherkarriere kann auch dafür verantwortlich sein, dass der FEV1 bereits im jungen Erwachsenenalter so niedrig ist. Der altersbedingte Abbau startet dann von diesem niedrigen Niveau - und fällt dann rasch unter die kritische Grenze eingeschränkter Lungenfunktion nach der die Entwicklung einer COPD beginnt. Raucher sollten daher frühzeitig und regelmäßig, auch wenn sie im Alltag noch keine Einschränkung der Lungenfunktion spüren, den FEV1 bestimmen lassen.

Quellen:

Lange, P. et al. (2015): Lung-Function Trajectories Leading to Chronic Obstructive Pulmonary Disease. New England Journal of Medicine 373:111-122, online veröffentlicht am 9.7. 2015. DOI: 10.1056/NEJMoa1411532

Erstellt am 30. Juli 2015
Zuletzt aktualisiert am 30. Juli 2015

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

Weitere Informationen...

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

Auferstehung des Frühlings zu Ostern

Die Menschen in Mitteleuropa dürfen sich jetzt auf sonnigwarmes Wetter freuen. Über die Ostertage und noch ein wenig darüber hinaus strömt Warmluft heran und Hochdruckwetter vertreibt die Wolken - leider nicht dauerhaft, es bleibt eine flüchtige Frühlingsepisode. weiterlesen...


Admarker

Das Projekt Menschenswetter

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

 

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

  weiterlesen...


Temperatur triggert den Herztod

Bei Klima und Wetter ist nicht Hitze sondern Kälte der wirkmächtigste Risikofaktor für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Eine aktuelle Studie an erwachsenen US-Amerikanern bestätigt weltweit erhobene Daten. weiterlesen...


Patienten-Arzt-Gespräch

Heutzutage ist es aus vielen Gründen für jüngst Erkrankte einfacher zum Computer zu gehen als zum Arzt. Erst einmal im Internet nachsehen, was die Symptome bedeuten, welche Krankheit die Gesundheit angegriffen hat. Doch sitzt man dann im Sprechzimmer, will der Arzt davon gar nichts wissen - warum eigentlich nicht? weiterlesen...


Wer als Senior noch Sex hat, bleibt klarer im Kopf

Alt ist relativ und beim aktiven Sexualleben ist neben der Regelmäßigkeit auch die subjektive Qualität relevant, damit der sinnlich motivierte Körper einen frischen Geist belebt. weiterlesen...


Risikowetter bei Atemnot

Für Menschen mit chronischen Erkrankungen der Atmung ist Wetter eine saisonal wechselhafte Herausforderung für die Gesundheit. Das gilt sogar für Spanien, wo die Winter milder und die Sommer noch heißer sind als hier in Mitteleuropa. Auch dort werden während der kühleren Jahreszeit mehr Menschen mit Atemwegserkrankungen in Kliniken eingeliefert als im extrem heißen Sommer. Andererseits verlaufen die akuten Krisen bei Hitze deutlich häufiger dramatisch bis tragisch. weiterlesen...