Selbstdiagnose durch Internetrecherche fördert die Furcht vor schweren Erkrankungen

Cyberchondrie, das Leiden der Internet-Hypochonder

von Holger Westermann

Das Bild vom eingebildeten Kranken ist nicht korrekt. Durch die Recherche im Internet provozieren Betroffene eine empfundene Symptomverstärkung oder Identifizieren eine schwere Erkrankung - der subjektive Leidensdruck ist objektiv intensiver geworden. Die vielfältige, nicht selten unvollständige, missverständliche oder gar fehlerhafte Online-Information, die sich nicht selten an wirtschaftlichen Interessen orientiert, ist ein unversiegbar sprudelnder Quell für eskalierende Sorge um die Gesundheit.

Selbst bei psychisch Unbelasteten kann eine übertriebene Selbstbeobachtung Fehlwahrnehmungen auslösen und zu häufigen Arztbesuchen motivieren. Wird bei den ausführlichen und wiederholten Untersuchungen keine körperliche Ursache der Beschwerden gefunden, steigt die Empfänglichkeit für obskure Erklärungen. Daran mangelt es im Internet nicht. Daher warnen Wissenschaftler vor der voreiligen Konsultation von „Dr. Google“. Oftmals sind die Ergebnisse der Internet-Suchmaschinen irreführend und verstärken den Leidensdruck eher als sie eine Linderung unterstützen könnten. Im inoffiziellen ärztlichen Fachjargon haben sich dafür die Begriffe „Morbus Google“ (Morbus = Krankheit) und „Cyberchondrie“ (Kofferwort aus Cyber und Hypochondrie) etabliert.

Ein Forscherteam aus Australien und Österreich untersuchte die Qualität der Google-Trefferlisten: Durchschnittlich waren nur drei der ersten zehn Suchergebnisse hilfreich, nur die Hälfte lieferte überhaupt relevante Information. Ratsuchende erhielten mit großer Wahrscheinlichkeit irreführende Hinweise, die ihrer Gesundheit schaden. „Wer eine klare Diagnose erwartet, wird die Suche bis zu einem zufriedenstellendem Ergebnis fortsetzen.“ skizziert Studienleiter Dr. Guido Zuccon das typische Verhalten der Internet-Nutzer. Eine ungenaue Selbstanamnese (Zusammenstellung der Symptome und Rückblick auf die individuelle Leidensgeschichte) und mangelhafte Kenntnis medizinischer Zusammenhänge begünstigt dabei wirres Suchen. Auf dieser Grundlage gewonnene Google-Ergebnisse steigern Konfusion, Selbstzweifel und Angst um die Gesundheit. So kann dieser sich selbst verstärkende Prozess eine Cyberchondrie auslösen.

Problematisch sei auch, dass die Suchenden sehr rasch vermeintlich wichtige Suchbegriffe lernen und damit dann endgültig auf die falsche Fährte geraten. So ist es ein beliebter Trick obskurer Gesundheitskulte, den Hilfesuchenden erst einmal neue Vokabeln für Erkrankungsursachen oder Therapien zu lehren (beispielsweise Entschlacken oder elektrophysikalische Testung, Iristopographie). Menschen, die bei der Informationssuche diese frisch gelernten Begriffe verwenden, kommen dann zuverlässig auf Webseiten ähnlichen Inhalts und werden dadurch in ihrem Irrtum bestärkt.

Für ihre Studie hatte die Forscher den Probanden Bilder von tatsächlich erkrankten Patienten gezeigt, auf denen typische Symptome zu erkennen waren: Menschen mit Gelbsucht (schwere Lebererkrankung) oder Schuppenflechte (Psoriasis). Die Probanden sollten anhand der offensichtlichen Symptome im Internet recherchieren und dann eine Diagnose stellen. Die von Google angebotenen Suchergebnisse wurden dann in Hinblick auf ihre Informationsqualität und ihre Nützlichkeit für die Diagnoseerstellung bewertet.

Dabei zeigte sich ein weiteres Manko der Suchmaschinen-Ergebnisse. Webseiten mit spektakulären Inhalten werden durchweg höher gewichtet (erhalten ein prominenteres Ranking) als sachliche Informationsquellen in wissenschaftlicher Sprache. Auch die Beliebtheit von Webseiten spiele dabei eine wichtige Rolle - und Informationen über Hirntumore sind zumeist populärer als die Darstellung von Erkältungssymptomen (wenn nicht gerade eine Grippewelle über das Land schwappt). Dementsprechend werden die Angebote mit dramatischen Erkrankungen vorrangig angezeigt. „Wer beispielsweise die Symptome einer starken Erkältung eingibt, vermutet nach der Internetrecherche an einer gefährliche Gehirnkrankheit zu leiden", erläutern die Forscher das Problem.

Die Forscher räumen ein, dass Suchmaschinen eine Fülle an sinnvoller und qualitativ hochwertiger Information liefern. Vieles sei geeignet, sich über bereits diagnostizierte Krankheiten zu informieren. Oftmals sind im Internet besonders hilfreiche Hinweise für das Leben mit einer speziellen Erkrankung zu finden. Auch aktuelle wissenschaftliche Artikel (wie sie beispielsweise die Menschenswetter-Redaktion zusammenstellt) können helfen, die Entstehung und Auswirkung der diagnostizierten Erkrankung besser zu verstehen. Dabei müssen die Patienten ihre Urteilskraft schulen: Welcher Internet-Information kann ich vertrauen? Ein hilfreicher Hinweis ist die Angabe von Quellen für die Aussagen im Text. Können diese Quellen im Internet nachgeschlagen werden (doi - Kennung* hilft auch andere Texte über genau diese Originalquelle zu finden) und verweisen sie auf seriöse wissenschaftliche Zeitschriften?

Die Forscher wenden sich jedoch ausdrücklich gegen eine Selbstdiagnose auf Grundlage von Internet-Informationen. Auch wenn Google sich durch stete Verbesserung des Suchalgorithmus müht, Webseiten mit relevanten Inhalten prominenter zu platzieren, bleibt das Risiko durch eskalierende Cyberchondrie Lebensqualität einzubüßen.

(* doi = Digital Object Identifier wird für Online-Artikel von wissenschaftlichen Fachzeitschriften verwendet und entspricht der ISBN gedruckter Bücher. Ausgerechnet die Quelle für diesen Artikel ist ein Kongressbeitrag, für den kein doi vergeben wurde.)

Quellen:

Zuccon, G. et al. (2015): Diagnose this if you can: On the effectiveness of search engines in finding medical self-diagnosis information. In 37th European Conference on Information Retrieval (ECIR 2015), 29. March - 2. April 2015, Vienna University of Technology, Gusshausstrasse, Vienna.

‘Dr Google’ doesn’t know best – search engine self-diagnosis and ‚cyberchondria’. Pressemitteilung der Queensland University of Technology vom 05.05.2015 mit Interview des Erstautors der Studie.

Erstellt am 9. Mai 2015
Zuletzt aktualisiert am 9. Mai 2015

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