Konkrete Chance auf bessere Lebensqualität

Grün lindert Migräne

von Holger Westermann

Während einer Schmerzattacke sind Migräne-Patienten extrem lichtempfindlich. Sie suchen abgedunkelte Räume auf. Tageslicht wirkt schmerzverstärkend - je heller, um so intensiver. Eine detaillierte Analyse der Lichtsensibilität offenbarte nun Unerwartetes: Grünes Licht reduziert Migräneschmerz.

Photophobie (Lichtscheue) ist ein typisches Verhalten während einer Migräne-Schmerzattacke. Rund 80% der Patienten mit normalem Sehvermögen erfahren eine Verstärkung der Schmerzintensität  durch Licht. Dabei wird Tageslicht ebenso aggressiv empfunden wie künstliche Beleuchtung; relevant ist allein die Lichtstärke. Diese Begleiterscheinung der Migräneschmerzen zwingt Betroffene zum Rückzug in abgedunkelte Räume. Eine zusätzliche Belastung, die selbst einfache Tätigkeiten verhindert und die soziale Isolation verstärkt.

Aus früheren Versuchen ist bekannt, dass Menschen für energiereiches blaues Licht (kurze Wellenlänge, 490–450 nm) besonders empfindlich sind. Ein Forscherteam der Harvard Medical School (Cambridge, Massachusetts, USA) interessierte sich nun für die Wirkung unterschiedlicher Spektralfarben in mehreren Lichtintensitäten auf Menschen, die aktuell unter Migräneschmerzen leiden. Dazu wurden insgesamt 69 Patienten (zwischen 15 und 85 Jahre alt) ausgewählt, die unter akuter Migräne mit oder ohne Aura litten und bereit waren während oder zu Beginn einer Schmerzattacke das Labor der Klinik aufzusuchen ohne zuvor Medikamente einzunehmen. Ausgeschlossen werden mussten Patienten, die unter Augenerkrankungen litten. Einige Patienten brachen die Studie während der Experimente ab. Letztendlich konnten die Daten von 41 Patienten berücksichtigt werden.

Die Patienten wurden in einen spärlich beleuchteten Raum geführt und zur aktuellen Schmerzbelastung befragt:

  • Intensität der Schmerzen
  • Pochen der Schmerzen
  • Lokalisierung der Schmerzen
  • Muskelschmerz

Anschließend veränderten die Forscher die Lichtverhältnisse in Intensität und Farbton und baten die Patienten erneut um eine Einschätzung der Schmerzbelastung anhand der vier Kriterien. Dabei erwies sich grünes Licht (530 nm) als erheblich weniger belastend als alle anderen Farben. Wurde das Licht stark abgedimmt, wirkte schummrig grüne Beleuchtung (1 cd/m2) sogar schmerzlindernd. Die Patienten taxierten den Effekt auf einer Skala von 0 bis 10 durchschnittlich mit 20% Schmerzreduktion.

Die Forscher vermuten, dass der positive Grün-Effekt darauf beruht, dass die farbempfindlichen Lichtrezeptoren in der Netzhaut (Zapfen) auf diesen Farbton weniger sensible reagieren. Grünes Licht wird weniger grell empfunden. Für Migräne-Patienten hat diese Erkenntnis durchaus praktischen Nutzen: Es lohnt der Versuch während der nächsten Schmerzattacke den Rückzugsraum schummrig grün zu beleuchten - anstelle der absoluten Dunkelheit, die jegliche Aktivität unterbindet. In ihrem Fazit betonen die Forscher, dass sie hier die Chance für eine erhebliche Verbesserung der Lebensqualität von Migräne-Patienten sehen. Es sei zu hoffen, dass alsbald spezielle Lampen, die das optimale Farbspektrum mit frei regelbarer Intensität präsentieren, zu akzeptablen Preisen auf den Markt kommen.

Quellen:

Noseda, R. et al. (2016): Migraine photophobia originating in cone-driven retinal pathways. Brain, 139 (7):1971 - 1986; online veröffentlicht am 17.05. 2016. DOI: 10.1093/brain/aww119

Erstellt am 18. September 2016
Zuletzt aktualisiert am 18. September 2016

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