Frauenteams reagieren besonders sensibel auf Wettbewerbsdruck
Weibliche Kreativität scheut Konkurrenz
Wer glaubt, dass Wettbewerb einen Kreativitässchub stimuliert ist höchstwahrscheinlich männlich. Treten mehrere Teams gegeneinander an, um die beste Lösung für ein Problem zu finden, präsentieren Frauengruppen weniger kreative Vorschläge als gemischte Teams oder rein männliche. Dabei schneiden Frauen gemeinhin bei Kreativitätstests besser ab als Männer; sowohl allein als auch im Team. Auch in gemischten Teams steigern Frauen messbar die kreativer Leistung – so lange nicht der Konkurrenzdruck die Spielregeln bestimmt.
Forscher der Olin School of Business an der Washington University in St. Louis (Missouri, USA) haben in einem Labor-Experiment (Studenten) und in einer Feldstudie (50 Teams von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Technikern eines Öl- und Gas-Konzerns) überprüft, inwiefern sich Leistungsdruck in Form eines Team-Wettbewerbs auf die Kreativität der teilnehmenden Arbeitsgruppen auswirkt. Dabei zeigte sich , dass die Konkurrenz positiv auf die Kreativitätsentfaltung auswirkte – jedoch nur in den studentischen Arbeitsgruppen, die ausschließlich oder überwiegend aus jungen Männern bestanden. Frauengruppen zeigten dagegen unter Wettbewerbsbedingungen eine nachlassende Kreativitätsentfaltung.
Die Forscher zeigten sich überrascht, liefern Frauenrunden oder Arbeitsgruppen mit hohem Frauenanteil gewöhnlich bessere Kreativitätsleistungen und zeigen dabei größeren Teamgeist als Männergesellschaften. Konkurrenzdruck, insbesondere der Wettbewerb zwischen Gruppen, scheint diesen Effekt umzukehren. Je intensiver der Wettstreit zwischen den Teams geführt wird, je drastischer die Folgen eines Erfolgs (oder Misserfolgs) dargestellt werden, desto weniger kreative Beiträge stammen von Frauen. Dieser Effekt kumuliert in reinen Frauenteams, deren Kreativitätsleistung rapide absackt. In gemischten Team wird der Effekt durch die männlichen Mitglieder teilweise kompensiert.
Männer profitieren dagegen von der Wettbewerbssituation; die Innergruppenkonkurrenz sinkt, sie kooperieren enger, diese konkurrenzreduzierte Zusammenarbeit setzt kreatives Potential frei. Es sei daher fragwürdig, ob auf der Suche nach der besten, zumindest aber kreativsten Lösung der Gruppenwettbewerb immer die besten Ergebnisse liefere – so die Schlussfolgerung der Forscher. Weibliche Kreativität, die sich in Studien ohne Wettbewerbsdruck als überlegen herausgestellt habe, bleibe möglicherweise weitgehend ungenutzt.
Seltsam mutet dagegen die Erklärung des Studienleiters an, weshalb die Studie nicht besage, Frauen seien prinzipiell in Konkurrenzsituationen kreativitätsgehemmt: "Es liegt nicht daran, dass Frauen schlecht mit anderen konkurrieren können. Es liegt an der Art, wie die Gesellschaft Frauen betrachtet und wie sie Wettbewerb betrachtet." Verantwortlich sei demnach das gesellschaftlich geprägte Rollenbilder und die geschlechterspezifische Sichtweise, die sowohl das eigene Verhalten als auch die Wahrnehmung des Verhaltens anderer beeinflusse.
Diese gewagte Volte wird verständlich, wenn man den Theoriehintergrund der Arbeitsgruppe betrachtet, sie bezichtigen sich selbst als Anhänger der social role theory (vergl. Eagly, A. 1987: Sex differences in social behavior: A social role interpretation. Hillsdale, NJ: Erlbaum). Dabei handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Theorie, die überprüfbare Thesen aufstellt und diese den Widerlegungsversuchen der Scientific Community (Gemeinschaft der Wissenschaftler) aussetzt, sondern um eine Sammlung sakrosankter Überzeugungen (Glaubensgrundsätze), vergleichbar der Gender-Ideologie, mit der sie eine Vielzahl von Ansichten teilt.
Erkenntnisse der Soziobiologie oder Evolutionspsychologie, die von einer genetisch-physiologisch-psychologischen Differenzierung der Geschlechter ausgehen, werden konsequent ignoriert. Stattdessen gelten geschlechtertypische Unterschiede im Verhalten (markant unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten situationsbezogen ein spezielles Verhalten zu zeigen; im Gegensatz zu geschlechterspezifischem Verhalten, das (fast) nur bei einem der Geschlechter auftritt) als Folge einer auf sozialen Druck hin erfolgten Anpassung (Sozialisation) an prinzipiell willkürliche (keinesfalls natürlich formierte oder gar determinierte) Geschlechterrollen.
Eine konkurrenzgetriggerte Varianz der Kreativitätsleistung ist in diesem Konzept kaum möglich, insbesondere nicht in reinen Frauengruppen (in gemischtgeschlechtlichen Teams könnten durch Wettbewerb stimulierte Männer für die Verhaltensänderung der Frauen verantwortlich sein). Daher die Interpretation der überraschenden Studienergebnisse als Folge der Gesellschaft und der Geschlechterrollen darin.
Evolutionspsychologen würden dagegen auf das unterschiedliche Konkurrenzverhalten von Frauen und Männern abstellen. Demnach riskieren Männer viel, um kurzfristig zu gewinnen, Frauen verfolgen dagegen zumeist langfristig wirksame Sozialstrategien. Der Grund dafür liegt in den unterschiedlichen Reproduktionsstrategien; Männer konkurrieren um den schnellen Erfolg, um im Rang aufzusteigen, um dadurch die Chancen auf Vaterschaft zu verbessern. Frauen haben dieses Problem nicht, sie finden zuverlässig einen Paarungspartner – tragen dann aber für lange Zeit die Verantwortung für den Nachwuchs (im Idealfall mit Unterstützung des Vaters; sicherlich aber mit Unterstützung verwandter Frauen).
Kreative, neuartige Lösungen bergen stets auch die Gefahr ein Fehler zu sein. Für Männer, die unbedingt besser sein wollen als ihre Konkurrenten, ist das eine, wenn auch riskante, Chance auf kurzfristigen Erfolg. Ein Einsatz der sich möglicherweise lohnt. Je intensiver der Wettbewerb, um so effektiver werden Mitbewerber geschwächt. Das zahlt sich auch dann noch aus, wenn gleichzeitig auch ein Teammitglied gestärkt wird, indem man gemeinsam obsiegt. Was zählt ist der Gewinn an individueller Reputation und Rangaufstieg – und sei es nur durch den Rangabstieg der weniger Kreativen.
Für Frauen ist ein Wettbewerb um kreative Resultate dagegen primär ein Risiko, können sich die Ergebnisse doch als falsch oder zumindest wenig tauglich erweisen. Wettbewerb gemahnt sie daher vorrangig zu vorsichtigem Verhalten, mit negativem Folgen für ihre Kreativitätsleistung.
Diese ad-hoc-Erklärung auf Basis gut belegter (und nach naturwissenschaftlichen Kriterien überprüfbarer) evolutionspsychologischer und soziobiologischer Theorien mag ebenfalls fehlerhaft sein, doch sie erklärt die Ergebnisse der Studie besser und sparsamer (Parsimonie-Kriterium) als die von den Autoren vertretenen social role theory.
Frauen agieren in Konkurrenzsituationen vorsichtiger, Männer gehen dagegen volles Risiko. Wird Kreativität als Grad der Normabweichung oder Innovation gemessen, liegen die von Männern im Wettbewerb präsentierten Lösungen vorn – sowohl in einer praktikablen Richtung als auch voll daneben. Interessant wäre daher ein Blick auf die praktische Kreativität, der Absurditäten nicht übermäßig honoriert. Möglicherweise zeigt sich dann wieder das aus anderen Studien vertraute Bild, dass Frauen allein und im Team überdurchschnittlich kreativ sind – im Sinne einer Kreativität mit sinnvollen Ergebnissen.
Quellen: Baer, M. et al. (2014): Intergroup Competition as a Double-Edged Sword: How Sex Composition Regulates the Effects of Competition on Group Creativity. Organization Science 25 (3): 892-908, online veröffentlicht am 20.12. 2013; doi: 10.1287/orsc.2013.0878
Erstellt am 30. September 2014
Zuletzt aktualisiert am 29. Mai 2015
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