Schmuddelwetter verbessert Motivation und Konzentration

Trübes Wetter, triste Stimmung, tolle Arbeitsleistung

von Holger Westermann

Der Blick aus dem Fenster, vor wenigen Tagen noch strahlte die Sonne vom blauen Himmel, die Sommerluft und Wärme waren selbst im vollklimatisierten Büro körperlich zu spüren. Derzeit zeigt sich typisches Herbstwetter mit schwarzen Wolken aus denen in wirrem Rhythmus Regenschauer fallen, die der böige Wind schon wieder in die Waagrechte zwingt. Auch dieser Anblick provoziert Reaktionen, trotz Heizung beginnt man unwillkürlich zu Frösteln und die allgemeine Stimmung sinkt in den Keller. Doch in den oberen Etagen der Unternehmen kommt Freude auf, denn bei dieser garstigen Witterung steigt offensichtlich die Produktivität der Mitarbeiter.

Den zahlreichen Studien zum Einfluss des Wetters auf das moralische Verhalten und die Gesundheit der Menschen hat das Forscherteam um Francesca Gino von der Harvard Business School einen ökonomischen Aspekt hinzu gefügt. Gutes Wetter macht gute Laune und deshalb sind die Menschen eher hilfsbereit und Spenden auch bereitwilliger. Den Einfluss des Wetters auf die Gesundheit dokumentiert Menschenswetter jeden Tag, auf jeder Seite. Dabei stützt sich Menschenswetter auf umfangreiche wissenschaftliche Literatur, die von der Abteilung Medizinmeteorologie des Deutschen Wetterdienstes (DWD) ebenso tagesaktuell ausgewertet wird wie die Wetterprognosen. Der ökonomische Blick auf die Wirkung des Wetters auf die Menschen am Arbeitsplatz ist genau genommen auch ein medizinischer: Es geht dabei um die Motivation, die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit sowie um die innere Unruhe sowie Reizbarkeit im Umgang mit Kollegen die den „Faktor Produktivität“ maßgeblich bestimmen. Für jedes dieser Symptome erstellt Menschenswetter eine Biowetter-Prognose.

Die aktuelle Studie gliedert sich in zwei sehr unterschiedliche Untersuchungen. Im ersten Schritt wurden über zwei Jahre (2007 bis 2009) 111 Mitarbeiter der Kreditabteilung einer mittelständischen Bank in Tokyo (Japan) anhand der Computer-Aktivität an ihrem Arbeitsplatz gemessen und mit den jeweils aktuellen Wetterdaten abgeglichen. Das Ergebnis verblüffte: War das Wetter garstig arbeiteten die Mitarbeiter schneller und konzentrierter als bei schönem Wetter. Offensichtlich stimmt die Annahme, dass Sonnenschein für gute Laune sorgt und so auch Motivation und Konzentration steigen lässt, möglicherweise für die Freizeit aber nicht zwingend für den Büroalltag.

Im zweiten Schritt sollte nun unter Laborbedingungen untersucht werden, warum sich Regen, Nebel und Kälte vor der Tür so positiv auf die Schaffenskraft am Schreibtisch auswirken. Dazu wurden zwei Versuchsgruppen gebildet, eine kam bei ausgesprochen schlechten, die andere bei typisch gutem Wetter ins Labor im amerikanischen Cambridge (Massachusetts). Jeweils der Hälfte der Teilnehmer am Experiment wurden Bilder mit Freizeitbeschäftigung bei Sonnenschein gezeigt. Danach sollten sie ihre bevorzugte Aktivität auswählen und ausführlich beschreiben, wie sie solch einen Tag verleben würden. Die andere Hälfte der Versuchsteilnehmer sollte schlicht einen normalen Tag beschreiben ohne durch Sonnenbilder animiert zu sein.

Danach sollten alle den selben Fragebogen ausfüllen, wobei sowohl die Geschwindigkeit als auch der Anteil korrekter Antworten bewertet wurde. Die Versuchsteilnehmer kannten diese Bewertungskriterien. Die Motivation zur ernsthaften Anstrengung wurde durch einen Preis für die besten Ergebnisse stimuliert.

Jene Teilnehmer, die gerade von der gedanklichen Exkursion in das sonnige Freizeitparadies zurückgekehrt waren, zeigten die geringste Produktivität. Fehlerdichte und Zeitbedarf übertrafen alle anderen Teilnehmergruppen. Am effektivsten hatte sich die Gruppe mit den widrigsten Witterungsbedingungen erwiesen: Sie kamen an einem regnerischen Tag ins Labor und wurden auch nicht durch Sommer-Sonnen-Bilder auf Freizeit-Gedanken gebracht.

Hierin sieht Francesca Gino den relevanten psychologischen Auslöser: Auch das Bild vom guten Wetter, das ein Fenster im vollklimatisierten Büro präsentiert, lenke nur ab, weil man automatisch daran denke, was man gerade jetzt draußen alles Schönes machen könne. Bei schlechtem Wetter sei diese Ablenkung weitaus geringer.

Dieses Ergebnis bestätigt eine Studie aus dem Jahr 2009. Damals hat ein Forscherteam um Joseph Forgas von der University of New South Wales (Sydney, Australien) mit einem Experiment unter Alltagsbedingungen gezeigt, dass schlechtes Wetter zwar die psychologische Grundstimmung trübt aber die Konzentrationsfähigkeit sowie das Kurzzeitgedächtnis besser sind als an sonnigen Tagen. Doch das ist schon ein anderer Menschenswetter-Artikel.

Quellen:

Lee, J.J.; Gino, F. et al. (2012): Rainmakers: Why Bad Weather Means Good Productivity. Working Paper der Havard Business School 13-005, veröffentlicht am 12.07.2012

Forgas, J.P. et al. (2009): Can bad weather improve your memory? An unobtrusive field study of natural mood effects on real-life memory. Journal of Experimental Social Psychology 45(1): 254-257, doi 10.1016/j.jesp.2008.08.014

Erstellt am 27. September 2012
Zuletzt aktualisiert am 28. September 2012

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