Wetter

Frostige Gefühle

von Holger Westermann

Das bislang hierzulande wetterbestimmende Hochdruckgebiet „Paul“ schwächelt und verlagert sich nach Italien. Damit endet die ruhige frühsommerlich sonnige Phase und die Wetterlage wird kompliziert - die gefühlte Temperatur sinkt drastisch und die Wirkung auf die Gesundheit wechselt zwischen erfrischend und gefährlich.

Windstille und Sonnenschein bei 25°C dominierten die letzen Wochen, denn mächtige Hochdruckgürtel blockierten den Ansturm von Tiefdruckgebieten aus dem Nordatlantik gegen Mitteleuropa. Doch nun erodiert das Bollwerk und über Frankreich bildet sich eine schwache Tiefdruckrinne, die eine Durchmischung der Atmosphäre einleitet.

Dabei prognostiziert die Höhenwetterkarte (Luftdruckverteilung in 5500 m Höhe, ohne Einfluss des Bodenreliefs) ein zunehmend komplexes Bild. Derzeit bewegen sich dort mehrere Hoch- und Tiefdruckgebiete in dem meteorologisch für Mitteleuropa relevanten Raum zwischen Neufundland (Kanada), Grönland und Island im Norden und der Linie von den Azoren zu dem Kanaren im Süden. In den letzten Wochen streckte sich von Grönland bis zu den Britischen Inseln ein stabiler Hochdruckrücken und lenkte die Atlantiktiefs auf ihrem Weg nach Osten zu einem nördlichen oder südlichen Ausweichkurs drum herum. Damit wird östlich davon bei tiefem Luftdruck über Skandinavien Polarluft weit nach Süden geführt. Weiter nach Süden auf dem Atlantik ist dagegen ein langgestreckter Bereich mit tiefem Luftdruck zu erkennen, der auf dem europäischen Kontinent, speziell von Mittel- bis nach Südosteuropa reichend wiederum von hohem Luftdruck flankiert wird. Meteorologen sprechen bei dieser nahezu symmetrischen Verteilung von einem „Viererdruckfeld“. In diesem Fall mit dem Effekt, dass es in Mitteleuropa sommerlich sonnig und ungewöhnlich warm war.

Diese Druckverteilung ist instabil stabil: Die Lage zueinander und ihre Position ändert sich kaum, doch die Hochs und Tiefs deformieren sich derweil unablässig gegenseitig - sie rangeln regelrecht um die Vorherrschaft. Entlang der Deformationszonen können sehr markante Luftmassengrenzen auftreten, die heftige Wetterereignisse hervorbringen. Auf Hitze folgt Schwüle, dann ein markanter Temperaturückgang und orchestriert wird dies durch Gewitter im Mai; Wärmegewitter mit lokalem Starkregen bei Schwüle und Frontgewitter mit weiträumigem Starkregen beim Einstrom der Kaltluft. Da sich das ganze auf meteorologisch gesehen „engem Raum“ abspielt, sind Prognosen über Zeit und Ort der Wetterumstellung sehr schwierig und mit zufriedenstellender Präzision nur kurzfristig möglich.

Dabei ändert sich die „gefühlte Temperatur“, an der sich die Reaktion des Körpers auf „das Wetter“ orientiert, mit erheblich größerer Prägnanz und Rasanz als der Thermometerwert. Steigt bei gleichbleibender oder leicht sinkender Temperatur die Luftfeuchte plötzlich an, empfindet der Körper Schwüle und damit erhöht sich die Belastung für Herz und Kreislauf sehr viel stärker als, es die gemessene Temperaturänderung vermuten lässt. Verantwortlich dafür ist die schwindende Fähigkeit des Körpers sich durch schwitzen zu kühlen. Die Feuchtigkeit auf der Haut verdunstet nicht mehr, wenn die Luft ohnehin schon weitgehend mit Wasserdampf gesättigt ist. Der Schweiß rinnt wirkungslos herab und verursacht zudem ein unangenehmes Körpergefühl. Weil die Kühlung der Körpertemperatur nicht mehr zuverlässig funktioniert wird die Temperatur weitaus wärmer wahrgenommen, als sie tatsächlich ist.

Den entgegengesetzten Effekt empfindet man, wenn Wind und Regen einsetzen. Der Niederschlag kühlt die Luft tatsächlich, doch weit weniger als es die Körperreaktion vermuten lässt. Vielmehr leiten feuchte Luft und Wind die Körperwärme zügig ab, man fröstelt leichter. Als Reaktion verengen sich die Blutgefäße und damit steigt der Blutdruck steil an. Bei markanten Kältereizen, wie sie ein Temperatursturz bewirken kann, erhöht sich damit auch das Risiko für Infarkte und Embolien. Wer unter Atemwegserkrankungen oder Muskelproblemen leidet muss Verkrampfungen fürchten. Auch Menschen mit anhaltenden oder häufig wiederkehrenden Schmerzen klagen über stärkere Symptome. Ein Wetterwechsel von frühsommerlich warmem April und Maiauftakt zu nasskalten, womöglich frühmorgens auch frostigen Eisheiligen (11. - 15. Mai) ist nicht nur „unangenehm“, sondern kann für Menschen mit fragiler Gesundheit ernsthafte Probleme provozieren.

Quellen:

Dipl.-Met. Marco Manitta: Unbeständiges Wochenende. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 08.05.2020

Dr. rer. nat. Jens Bonewitz: Kampf der Titanen. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 09.05.2020

Erstellt am 10. Mai 2020
Zuletzt aktualisiert am 10. Mai 2020

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