Der Effekt ist schon lange bekannt und wirkt nachhaltig

Naturerleben lindert Stress und Schmerz

von Holger Westermann

Der Blick ins Grüne verbessert das Wohlbefinden und die mentale Konstitution. Wer im Kindesalter viel draußen ist, profitiert als Erwachsener mit besserer Gesundheit. Noch besser wirkt die Kombination mit körperlicher Aktivität, beim spazieren oder wandern, sportlich Ambitionierte können auch walken oder joggen. Doch wieviel erlebte Natur ist notwendig, damit sich der positive Effekt einstellt?

"Wir wissen bereits, dass es Stress reduziert, wenn man Zeit in der Natur verbringt, bislang war aber unklar, wie lange und wie oft man in die Natur gehen sollte und auch, welche Art von Naturerfahrung uns nützt.“ erläutern die Forscher der Universität Michigan (USA) ihre Motivation für eine kleine Studie an 36 Freiwilligen (darunter 33 Frauen). Die Probanden sollten an wenigstens drei Tagen pro Wochen für zumindest zehn Minuten „im Grünen“, also in naturnaher Umgebung, spazieren. Die tatsächliche Dauer des Spaziergangs konnte aber auch ein Vielfaches von zehn Minuten betragen. Vor und nach dem Naturerlebnis wurde Speichelproben genommen und auf die Stressmarker Cortisol und Alpha-Amylase untersucht.

Stresshormon Cortisol wird in der Nebennierenrinde hergestellt und in der Leber abgebaut. Die Konzentration im Blut verändert sich auch in stressfreien Zeiten im Tagesverlauf; zwischen sechs und acht Uhr morgens ist sie am höchsten, gegen Mitternacht erreicht sie ihr Minimum. Durch chronischen Stress dauerhaft erhöhte Cortisolwerte können schwere Gesundheitsprobleme provozieren, das Immunsystem schwächen und die Ausbildung einer Depression begünstigen. Bei Menschen mit Fibromyalgie wird die Schmerzbelastung sowie die Intensität der vegetativen Beschwerden durch Stress verstärkt.

Schon 20 bis 30 Minuten Aufenthalt in weitläufigen Parks, einer naturnahen Landschaft oder einem Wald, senken den Cortisolspiegel deutlich. Dabei geht es nicht um die Intensität der Bewegung, joggen oder walken ist gar nicht nötig - es genügt durch die Natur zu schlendern oder sitzend den Blick schweifen zu lassen. Wer sich länger im Grünen aufhält, senkt die Konzentration der Stressindikatoren noch weiter, allerdings nicht so deutlich wie in den ersten 20 Minuten. Bei der Alpha-Amylase war der positive Effekt besonders ausgeprägt, wenn sich die Menschen nicht bewegten, sondern ruhig auf einer Bank saßen.

Womöglich werden hier auch positive Kindheitserinnerungen wirksam. In einer Studie der Universität Maastricht (Niederlande) und dem Barcelona Institut für globale Gesundheit (Spanien) wurden die Daten von 3.585 Erwachsenen aus Spanien, den Niederlanden, Litauen und Großbritannien mit Blick auf deren Gesundheit und die Naturnähe ihrer Kinderzeit ausgewertet. Insbesondere interessierte die Forscher die Wirkung auf die mentale Gesundheit, auf chronischer Nervosität oder depressiven Verstimmungen. Das Ergebnis war eindeutig: Wer als Kind „im Grünen“ aufwachsen durfte, schnitt als Erwachsener in den psychologischen Tests mit größerer Wahrscheinlichkeit gut ab. Dieser Personenkreis bewertete einen regelmäßigen Kontakt zu naturähnlicher Umgebung auch als besonders wichtig und erstrebenswert. So kommen die Forscher zu dem Fazit: „Dies legt nahe, dass der Kontakt zur Natur in der Kindheit sehr wichtig ist – sowohl für die Entwicklung einer naturverbundenen Einstellung als auch für einen gesunden Seelenzustand im Erwachsenenalter“.

Inzwischen leben mehr als 70% der Europäer in Städten. Nur wenige Menschen können regelmäßig in hinreichend ausgedehnte Parks oder naturähnliche Landschaften ihre stressreduzierende Dosis 20-Minuten-Naturerlebnis genießen. Die Forscher plädieren daher für eine medizinisch-therapeutische-Perspektive und sprechen von der täglich einzunehmenden „Natur-Pille“, die 20 bis 30 Minuten im Grünen, um die negativen Auswirkungen des Stadtlebens einzudämmen. Dieses Medikament sei kostengünstig und man könne es sich sogar selbst verschreiben.

Quellen:

Hunter, M.C.R. et al. (2019): Urban Nature Experiences Reduce Stress in the Context of Daily Life Based on Salivary Biomarkers. Frontiers in Psychology, online veröffentlicht 04.04.2019. DOI: 10.3389/fpsyg.2019.00722.

Preuß, M. et al. (2019): Low Childhood Nature Exposure is Associated with Worse Mental Health in Adulthood. International Journal of Environmental Research and Public Health (An Open Access Journal), online veröffentlicht 22.05 2019. DOI: 10.3390/ijerph16101809.

Erstellt am 29. Juni 2019
Zuletzt aktualisiert am 29. Juni 2019

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