Wundinfektionen sind im Spätsommer besonders häufig und aggressiv

Sommerwetter begünstigt lebensbedrohliche Infektionen

von Holger Westermann

Dass nasskaltes Wetter bei Asthma, Rheuma und Muskelschmerzen die Symptome verstärkt, dass dann Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen mit einem erhöhten Infarktrisiko rechnen müssen - das ist den Nutzern von Menschenswetter Anlass sich regelmäßig über die Vorhersagen zu informieren. Dass Erkältungen nur mittelbar durch Kälte „verursacht“ werden und eigentlich Virusinfektionen sind, wissen heutzutage schon Schulkinder. Doch solche Infektionen sind lästig aber nicht lebensbedrohlich. Die wirklich große Gefahr entwickelt sich erst zum Ausklang des Hochsommers.

Wissenschaftler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) untersuchen seit November 2015 den Einfluss von Klimaveränderungen auf das Auftreten von Infektionen und multiresistenten Erregern in Deutschland. In dem Projekt CLIP-ID ("Climate and pathogens - Impact of decolonization") kooperieren Mediziner, Klimaforscher und Infektionsepidemiologe vom PIK, der Charité (Universitätsklinik Berlin), dem Robert Koch-Institut (RKI, Berlin) und dem Universitätsklinikum Jena.

Im Fokus der Forschung steht ein bekanntes Phänomen: Wundinfektionen und Blutinfektionen (Sepsis) treten in den Sommermonaten bis zu 38% häufiger auf als in der kalten Jahreszeit. Grundlage sind dem RKI gemeldeten Fälle von Infektionskrankheiten aus den Jahre 2001-2016 und deren Ort-Zeit-Abgleich mit den Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD).

Dabei wurde für Erreger von Durchfallerkrankungen(Campylobacter) und für Lungenentzündungen (Legionella) eine starke Saisonalität festgestellt. Die maximale Verbreitung der gemeldeten Infektionen fällt auf den späten Hochsommer im August bis Anfang September. Der Termin war recht variabel, aber er lag stets rund vier bis sechs Wochen nach den jeweiligen Jahrestemperaturmaxima. Wärme optimiert das Wachstum der Infektionserreger. Die dann einsetzende rasche Vermehrung führt nach wenigen Wochen zu einem maximalen Infektionsrisiko, bevor einsetzender Temperaturrückgang die Verbreitung wieder bremst.

Empfindliche Menschen mit geschwächtem Immunsystem oder durch chronische Erkrankungen vorbelastete Atemwege, Verdauungsapparat oder Herz-Kreislauf-System, sollten in dieser Zeit mit hohem Infektionsrisiko die ohnehin empfehlenswerten Hygienemaßnahmen mit besonderer Sorgfalt praktizieren: Händewaschen vor jedem Kontakt mit Nahrungsmitteln, Fleisch und dabei besonders Geflügelfleisch gut durchbraten, Wunden auf Entzündungsreaktionen prüfen, Kontakt mit nicht regelmäßig genutzten Warmwasserquellen meiden oder vor der Nutzung (duschen, trinken) zuerst reichlich Wasser ablaufen lassen.

Die im CLIP-ID zusammenarbeitenden Forscher befürchten, dass sich bei einem zukünftig wärmeren Klima in Mitteleuropa das Spektrum der medizinisch relevanten Erreger von Infektionskrankheiten erweitern und die Saisonalität der Infektionsrisiken verstärken könnte. Die Aufmerksamkeit der Patienten aber auch Ärzte, Kliniken und Gesundheitsbehörden sollten dann vorbereitet sein.

Quellen:

Der Einfluss von Klimaveränderungen auf das Auftreten von Infektionen in Deutschland und Untersuchungen zur Dekolonisation

Erstellt am 12. April 2019
Zuletzt aktualisiert am 23. April 2019

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