Hormone suchen ihren Sommerrhythmus

Frühlingsermüden

von Holger Westermann

Derzeit sprießt, sprosst und erblüht es allerorten. Die Vögel beginnen ihren lauthals ausgefochtenen Wettstreit um die besten Nistplätze und attraktive Paarungspartner. Nur die Menschen befällt derweil eine mächtige Müdigkeit.

Während die Natur vor der Haustür das Frühlingserwachen zelebriert, plagen die Menschen in ihren warmen Stuben Motivationsprobleme, Schläfrigkeit, Schwindelgefühle und Kopfschmerzen. Auch nach ausgiebiger Bettruhe ist man morgen noch müde und tagsüber bessert sich das Befinden kaum. Diese Epedemie kollektiver Ermattung schwappt jedes Jahr zwischen Mitte März und Mitte April über Mitteleuropa hinweg.

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung klagt über Frühjahrsmüdigkeit, wobei Frauen häufiger und intensiver betroffen sind. Als Ursache gilt die Umstellung des Aktivität-Schlaf-Rhythmus infolge der längeren lichten Tage. Die Umstellung des Hormonhaushalts verändert jedoch nicht nur die optimale Schlafdauer (sie ist im Sommerhalbjahr meist kürzer als im Winter) sondern beispielsweise auch die Begeisterung für Bewegung und Sport oder die Vorliebe für leichte Kost, während schwere Winterspeisen nun gemieden werden.

Verantwortlich dafür ist das Wechselspiel zwischen dem bei Nacht ausgeschütteten „Schlafhormon“ Melatonin und dem tagsüber aktiven „Glückshormon“ Serotonin. Im Winter ist es anhaltend dunkel, dann dominiert Melatonin. Der Körper schaltet um auf Energiesammeln (Appetit auf deftige Kost) und Energiesparen (gedämpfte Sportbegeisterung). Tristes nebelgraues oder wolkenverhangenes Wetter verstärkt diesen Effekt. Normale elektrische Beleuchtung in Büros und Wohnräumen erreicht nicht die notwendige Lichtstärke und Lichtfarbe, das zu ändern. Deshalb scheitern „Gute Vorsätze“ zum Jahreswechsel auch so zuverlässig.

Mit deutlich größerem Erfolg wäre zu rechnen, wenn man mit der Lebensstilumstellung bis nach der Frühjahrshormonumstellung warten würde. Denn im Sommermodus motiviert Serotonin die Begeisterung für körperliche Aktivität und Salat. Je höher die Sonne tagsüber am Himmel steht, um so intensiver wirkt ihre Strahlung. Während der Übergangsphase im Frühjahr summieren sich die Effekt von zunehmender Tageslänge und ansteigender Strahlungsintensität. Der Wechsel von Winter- auf Sommermodus, eher ein markantes Umschalten als ein sanftes Hinübergleiten, belastet Köper und Psyche. Frühjahrsmüdigkeit dient auch der Entschleunigung während dieser Anpassungsphase.

Zudem steigt bei Sonnenschein und trockener Luft die gefühlte Temperatur noch über dem Thermometerwert. Nun muss der Körper nicht mehr Wärme sichern, sondern schon bei geringer Anstrengung überschüssige Hitze an die Umgebung abgeben. Dazu weiten sich die Adern - infolgedessen sinkt der Blutdruck. Darunter leiden geistige und körperliche Fitness gleichermaßen. Manche Menschen klagen auch über Schwindel und schwache Muskulatur.

Als probates Mittel gegen die mentale und körperliche Mattigkeit hat es sich bewährt, dem inneren Impuls nachzugeben. Nicht eine zusätzliche Schlafphase während der Mittagszeit, sondern wieder früher aufzustehen anstatt im Bett zu bleiben, nur weil man in den zurückliegenden Wochen zu dieser Uhrzeit noch zuverlässig im Schlummer lag. Es wird derzeit noch früh genug dunkel (die Umstellung auf Sommerzeit macht den Effekt leider wieder zunichte), dass man rechtzeitig müde wird und genug Schlaf erhält. Nachgeben sollte man auch dem Drang zu mehr Bewegung im Freien. Das muss nicht gleich Sport sein, ein Spaziergang hilft auch. Körperliche Aktivität unterstützt den Tag-Nacht-Rhythmus und verbessert die Schlafqualität zusätzlich. Dann schwindet auch die Frühjahrsmüdigkeit schneller, die Umstellung auf „Sommer“ gelingt rascher.

Quellen:

Dr. rer. nat. Markus Übel (Meteorologe): Frühjahrsmüdigkeit - Woher kommt sie und was kann man dagegen tun? Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 27.03.2019

Dipl.-Met. Marcus Beyer: Gartenwetter im Frühjahr. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 29.03.2019

Erstellt am 30. März 2019
Zuletzt aktualisiert am 4. April 2019

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