Effektive Infektvermeidung durch unbewusste Wahrnehmung

Das Gehirn gewahrt, ob das Gegenüber gerade erkrankt

von Holger Westermann

Den körperlichen Kontakt zu Erkrankten meiden, ist der beste Schutz vor Erkältung und Grippe. Doch Arbeiten, Einkaufen, Busfahren, herzliche Begrüßungen erzwingen Nähe, die Infektionen erleichtert. Ein Frühwarnsystem hilft, jüngst infizierte und infektiöse Mitmenschen zu erkennen - aufgrund optischer und olfaktorischer Information.

In Gruppen zu leben bringt viel Vorteile mit sich: Effektive Raubfeindmeidung durch viele aufmerksame Nachbarn, gemeinsame Verteidigung und Ausbeutung von Territorium und Ressourcen, unkomplizierter Zugang zu Paarungspartnern. Andererseits müssen auch Nachteile in Kauf genommen werden: Alltäglichen sozialer Stress, Konkurrenz um Nahrung und Paarungspartner sowie langfristigen sozialen Status, Parasiten und Infektionskrankheiten. Bei Primaten hat sich zur Festigung der sozialen Beziehungen zwischen Gruppenmitgliedern die gegenseitige Fellpflege (Grooming, früher auch „Lausen“ genannt) entwickelt. Dabei ist Körperkontakt unvermeidlich. Der Austausch von Zärtlichkeiten bedeutet, die Übertragung von Parasiten und potentiell lebensbedrohlichen Infekten zu riskieren. Evolutionär im Vorteil wären Individuen, die risikoträchtige Gruppenmitglieder erkennen und meiden.

Menschen sind Primaten, deren Geselligkeit komplexer geworden ist. Kommunikation und körperliche Nähe beschränkt sich nicht auf eng vertraute Mitmenschen. Die Entscheidung, ob der direkte Kontakt akzeptiert oder besser gemieden wird, muss auch gegenüber Unbekannten getroffen werden. Das Risiko, sich zu infizieren, ist dabei relevantes Kriterium. Erkrankte Gegenüber werden sogar unter experimentellen Bedingungen erkannt.

Bei einem Teil der 22 Freiwilligen wurde mit einem harmlosen Endotoxin (Lipopolysaccharid, LPS) eine infektiöse Immunantwort simuliert, die anderen bekamen eine solche Immunprovokation lediglich vorgespielt (Vergleichsgruppe). Ziel war es, in der LPS-Gruppe typische Symptome hervorzurufen wie Müdigkeit, Schmerz und erhöhte Temperatur. Alle Freiwilligen wurden fotografiert und gaben eine Geruchsprobe (Schweiß) ab, die tatsächlich und die vorgeblich infizierten. Deshalb sollte sich die Vergleichsgruppe ebenfalls erkrankt glauben, damit auf den Bildern Körperhaltung und Gesichtsausdruck und die allgemeine Körperreaktion vergleichbar verändert waren.

Anschließend wurden 30 weitere Personen aufgefordert zu entschieden, ob diese durch Bild und Geruchsproben repräsentierte Gegenüber krank oder gesund erscheinen. Mit 81% korrekter Zuschreibung bestätigte sich die Hypothese, dass schon beginnende Infektionen erkannt werden. In einer genaueren (länger als wenige Sekunden währende) Betrachtung und Kommentierung der Bilder stützte sich die Laiendiagnose vorrangig auf Indizien wie blasse Lippen, fahle Gesichtsfarbe, fleckige oder glänzende Haut, hängende Mundwinkel, Schwellungen (Ödeme) und gerötete Augen.

Unterstützt wird diese optische Information durch die olfaktorische, den Körpergeruch. Die Ausdünstungen verändern sich, wahrscheinlich durch die geringfügig erhöhte Körpertemperatur. Dieser Effekt kann direkt vom Erkrankten selbst kommen, oder indirekt durch eine veränderte Zusammensetzung der Bakterien im (bei fiebrigem Temperaturanstieg intensiver gebildeten) Schweiß. Wer sich allein auf den Anschein verlässt, kann auch irren. Übermüdete Mitmenschen sehen jüngst infizierten sehr ähnlich. Insofern erstaunt es nicht, wenn offensichtlich unausgeschlafene Unbekannte als Sozialpartner gemieden werden.

In ihrem Fazit betonen die Forscher, dass die spontane Reaktion offensichtlich unbewusst funktioniert: „Die Studie zeigt uns, dass das menschliche Gehirn wirklich sehr gut darin ist, dies zu entdecken und dass diese Entdeckung das Vermeidungsverhalten motiviert“.

Quellen:

Regenbogen, C. et al. (2017): Behavioral and neural correlates to multisensory detection of sick humans. Proceedings of the National Academy of Sciences 14 (24): 6400 -6505. DOI: 10.1073/pnas.1617357114

Erstellt am 4. Januar 2018
Zuletzt aktualisiert am 4. Januar 2018

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

Weitere Informationen...

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

Naturwissenschaftler warnen: Donald bedrängt Angela

Bevor sich die Empörung allzu mächtig plustert sei versichert, es wird derzeit kein akademischer Streit zwischen dem oftmals emotional motivierten amerikanischen Präsidenten Donald Trump und der spröde rational argumentierenden Physikerin und deutschen Kanzlerin Dr. Angela Merkel ausgetragen. Vielmehr schiebt das rasant expandierende Tief im Nordatlantik „Donald“ das Azorenhoch „Angela“ südwärts beiseite. weiterlesen...


Admarker

Kopfschmerzen - was hilft?

Doc Esser - Das Gesundheitsmagazin

Doc Esser - Das Gesundheitsmagazin, Dr. Heinz-Wilhelm Esser trifft unserem Menschenswetter-Redakteur Holger Westermann im ARD-Wetterstudio. Die TV-Sendung des WDR vom Montag, 16. April 20:15 Uhr können Sie jetzt in der Mediathek der ARD hier ansehen.


Korrelation und Kausalität

Chronisch kranke Menschen kennen vollmundig formulierte Meldungen über „neu entdeckte Ursachen“ oder „effektive Wirkung“ bislang unbekannter und unbeachteter Heilmethoden. Doch wann kann man überhaupt seriös von einer „Ursache“ oder einer konkreten „Wirkung“ sprechen? Zwei Artikel über aktuelle Veröffentlichungen über Adipositas und Asthma illustrieren das anschaulich. weiterlesen...


Admarker

Ratgeber von unserem Menschenswetter Redakteur Holger Westermann

Der Fibromyalgie-Ratgeber weiterlesen...


Nur seriöse Wissenschaft schafft Wissen

Was in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht wurde, sind geprüfte Forschungsergebnisse. Darauf dürfen Leser vertrauen, wenn sie medizinische Nachrichten lesen, die sich auf solche Quellen stützen. Offensichtlich trügt diese Hoffnung, denn auf dem Markt der akademisch anmutenden Spezialliteratur tummeln sich zahlreiche Plattformen für Scharlatane. Veröffentlicht wird jeder Humbug, sofern die Autoren dafür bezahlen. In Geisteswissenschaften mag das belustigen, in Sozialwissenschaften kann politischer Schaden entstehen, in der Medizin ist jedoch die Gesundheit vieler Menschen in Gefahr. weiterlesen...


Sinnvolle Alternativmedizin: Hypnose lindert Reizdarm-Symptome

Patienten mit Reizdarmbeschwerden profitieren nachhaltig von einer ambulanten sechswöchigen Hypnose-Therapie. Einzelbehandlung und Gruppensitzungen waren erfolgreicher als eine Aufklärung über die Erkrankung und die zweckmäßige Anpassung des Lebensstils. Doch der Effekt beruht nicht auf einer Linderung der Symptome. weiterlesen...