Fingierte zeitliche Distanz reduziert die emotionale Relevanz

Zukunftsperspektive vertreibt Stress

von Holger Westermann

Die emotionale Belastung junger Menschen schwindet, wenn sie sich bewusst machen, dass gegenwärtiger Stress in der Zukunft weniger wirksam oder weniger bedeutsam sein wird. Je weiter die Zukunftsperspektive gefasst wird, je weiter entfernt der Standpunkt für die imaginär Rückschau gewählt wurde, desto wirksamer ist der Effekt.

Es ist schon länger bekannt, dass eine Distanzierung von Stressauslösern das Leiden unter Stress reduziert. So gelingt es sich durch Selbstgespräche von emotionaler Anspannung zu lösen, wenn man sich selbstdistanzierend in der dritten Person anspricht. Heike Schulz spornt sich an: „Die Heike wird das heute schaffen“. Diese gefühlte Distanz zum Geschehen befreit von der unmittelbaren Einbindung in die Stress-Situation. Man kann sie nun von aussen betrachten und ihre Relevanz neu bewerten, möglicherweise auch managen.

Ähnlich lässt sich die Stressorenwirkung auch durch eine selbsterdachte zeitliche Distanz marginalisieren. In einem Experiment hatten Psychologen 83 junge Menschen (darunter 50 Mädchen und Frauen) im Alter von 12 bis 22 Jahren (12 waren 12-14; 33 waren 15-17; 38 18-22 Jahre alt) gebeten, sich in unterschiedliche Szenarien hinein zu denken. Einige waren neutral (Die Schulaula / das Audimax wird neu gestrichen) andere negativ (Du bist bei einer wichtigen Prüfung durchgefallen). Dabei konnten die Jugendlichen ihr Stressniveau besonders effektiv senken, die sich die eigene Position in zehn Jahren als Referenz vorstellten. Wurde ein kürzerer Zeitraum in der nahen Zukunft als Bezugspunkt gewählt, war der stresslindernde Effekt deutlich geringer.

In ihrem Fazit räumen die Forscher eine Fehleinschätzung ein: „Wir hatten angenommen, dass Jugendliche diese Strategie (der bewussten Distanzierung) nicht so erfolgreich zur Kontrolle ihrer Emotionen anwenden könnten, weil sie weniger Stresserfahrung haben und sich ihre Zukunft weniger gut vorstellen können.“ Diese Annahme habe sich als falsch erwiesen. Je größer die gedachte Distanz in absoluter Zeit war (nicht in % der bisherigen Biographie), um so besser gelang den Jugendlichen die Stressreduktion. Die jungen Menschen sind durchaus in der Lage ein gegenwärtiges stressauslösendes Problem mit seiner Bindung zum Hier und Jetzt einzuschätzen und dessen prinzipielle Relevanz für die Zukunft einzuordnen. Deshalb kann ihnen die Zukunftsperspektive auch helfen, aktuellen Stress zu bewältigen.

Quellen:

Ahmed, S.P. et al. (2017): Using temporal distancing to regulate emotion in adolescence: modulation by reactive aggression. Cognition and Emotion, online veröffentlicht 17.08. 2017. DOI: 10.1080/02699931.2017.1358698.

Westermann, H. (2017): Selbstdistanziernde Selbstgespräche zur Stresskontrolle. Menschenswetter Artikel 1528, online veröffentlicht 2.08. 2017.

Erstellt am 24. August 2017
Zuletzt aktualisiert am 24. August 2017

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