Welle der Neuerkrankungen folgt der Temperaturkurve

Temperatursturz unterstützt Grippe Infektion

von Holger Westermann

Der aktuelle Wetterwechsel von regnerisch mild zu kalt und trocken könnte die heuer (in diesem Jahr) ohnehin schon kräftige Grippewelle noch einmal verstärken. Dabei ist nicht die Temperatur relevant, sondern die damit einhergehende Reduktion der Luftfeuchte. Kaltluft trägt sehr viel weniger Wasserdampf als warme Luft. Wird die winterliche Luft in Wohnungen aufgeheizt, sind absolute und relative Luftfeuchte extrem niedrig: Ideale Bedingungen für Viren.

Die Grippesaison 2016/2017 erfasst Europa mit ungewohnter Vehemenz. Schon Mitte Januar meldete Frankreich, 784.000 Grippe-Patienten in Hausarzt-Praxen. Landesweit wurden 627 Patienten mit schweren Grippe­­symp­to­men auf der Intensivstation behandelt (52 starben) und 142 von 850 öffentlichen Krankenhäusern des Landes konnten für Grippe-Patienten keine Betten mehr anbieten.

Auch in Deutschland und Österreich hat die Grippewelle diesmal sehr früh begonnen. Bereits Mitte Dezember 2016 wurde eine erste Welle registriert. Ende Dezember waren in Deutschland bereits 4.377 labordiagnostisch Influenzafälle bestätigt, die 2.601 Einweisungen ins Krankenhaus notwendig machten (9 Patienten starben, davon 8 älter als 65 Jahre*). Der ungewöhnlich hohe Anteil von schweren Erkrankungen ist laut dem European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) auf den besonders aggressiven Virenstamm A(H3N2) zurückzuführen. Diese Viren provozieren einen schweren Krankheitsverlauf, was sich zuletzt in der Saison 2014/15 zeigte. Auch damals waren Viren dieses Stammes aktiv. Während dieser Saison wurden europaweit 217.000 zusätzlichen vorzeitigen Todesfällen in der Gruppe der über 65-Jährigen registriert (in Europa sind rund 94.000.000 Menschen älter als 65 Jahre). Diese „Übersterblichkeit“ berücksichtigt nicht nur die unmittelbar an Grippe gestorbenen Menschen, sondern durch den Vergleich mit grippefreien Monaten auch die mittelbar infolge einer Grippe geschwächten und gestorbenen Menschen. Für die aktuelle Grippesaison muss mit einer ähnlich dramatischen Übersterblichkeit gerechnet werden.

Nachdem in den letzten Jahren schon intensiv zum Einfluss von Wohn- und Arbeitsbedingungen auf die Überdauerungswahrscheinlichkeit aktiver Viren untersucht wurde, richtet sich der Fokus von Forschern nun auf die Infektionen. So konnte 2015 eine Arbeitsgruppe um den Genetiker Prof. Dr. John Todd von Universität Cambridge (Großbritannien) nachweisen, dass die Aktivität des Immunsystems im Wechsel der Jahreszeiten erheblichen Schwankungen unterliegt. Von 22.822 untersuchten Genen zeigte sich bei 5.136 Genen, dass sie im Sommer aktiver sind als im Winter und zwar unabhängig davon, ob die Menschen in Großbritannien oder in Gambia lebten. Relevant war offensichtlich nicht die Art der Wetterveränderung mit den Jahreszeiten, sondern dass es solchen Änderungen überhaupt gibt. Winterkälte und Sommerhitze waren ebenso effektiv wie Trocken- und Regenzeit.

Eine schwedischen Forschergruppe hat nun von Oktober 2010 bis Juli 2013 (drei Grippesaisons) sehr viele Menschen (20.062) aus dem Großraum Göteborg (Schweden) mit Nasen-Abstrichen auf eine Grippe-Infektion untersucht. Dieses Untersuchungs-Kollektiv repräsentiert nicht die Gesamtbevölkerung, da die Proben während einer medizinische Untersuchung genommen wurden; die Menschen fühlten sich krank und hatten die Ärzte aktiv aufgesucht.

Durch den Vergleich der erkannten Infektionen mit den Wetterdaten der Region erkannten die Forscher, dass mit dem ersten Frost auch die ersten Grippe-Infektionen erscheinen. Doch nicht die Kälte oder das Frösteln der Menschen bewirkt die „Erkältung“ oder Grippe, sondern die in frostiger Luft garantierte Trockenheit. Kaltluft ist extrem trocken: Beträgt der maximale Wasserdampfgehalt (100% relative Luftfeuchte, Taupunkt) bei 22°C Wohnraumtemperatur rund 19g/m3, so sind es bei 0°C nur noch knapp 5g/m3 (ein Viertel) und bei -10°C rund 2,5g/m3 (ein Achtel). In behaglicher Wohnumgebung sollte die relative Luftfeuchte zwischen 40 und 50 % liegen. Das entspricht etwa 9g/m3 bei 22°C Raumtemperatur. Doch an Frosttagen ist die Frischluft mit maximal 5g/m3 Feuchte angereichert. Die relative Luftfeuchte der Raumluft sinkt durchs Lüften und das anschließende Aufheizen der wasserdampfarmen Aussenluft auf rund 25%. Unter diesen trockenen Bedingungen überleben Viren erheblich besser als bei hoher Luftfeuchte, die zudem als sehr viel angenehmer empfunden wird als „trockene Heizungsluft“. So sind bei einer einer relativen Feuchtigkeit von ≤ 23% nach einer Stunde noch Dreiviertel der Viren aktiv, während bei Luftfeuchte von ≥ 43% weniger als ein Fünftel überlebt.

In ihrem Fazit betonen die Forscher diesen Zusammenhang und die Bedeutung für den Start der Grippesaison: „Wir glauben, dass ein plötzlicher Temperaturabfall zum spontanen Beginn der Epidemie beiträgt“. Danach würden andere Faktoren den Temperatureffekt ergänzen oder gar an Bedeutung übertreffen.  „Wenn die Menschen krank und ansteckend sind, stecken sich noch viele weitere an“. In trockener Raumluft trennen sich die beim Niesen herausgeschleuderten Viren rasch von der feuchten Umgebung und können dann sehr effektiv herumgewirbelt werden - und das nächste Opfer infizieren.




* Am 5. Februar 2017 meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) für Deutschland: „Offiziell gemeldet sind bisher 27.000 Grippefälle aus dem gesamten Bundesgebiet, darunter 85 Todesfälle, insbesondere bei älteren Menschen.“

Quellen:

Sundell, N. et al. (2016): A four year seasonal survey of the relationship between outdoor climate and epidemiology of viral respiratory tract infections in a temperate climate. Journal of Clinical Virology 84:59-63. doi: 10.1016/j.jcv.2016.10.005.



Weiter Informationen:

Westermann, H. (2013): Hohe Luftfeuchte schützt vor Grippe. Menschenswetter Artikel 880; online veröffentlicht am 26.11.2013

Westermann, H. (2014): Großraumbüros sind Brutstätten für Infektionen. Menschenswetter Artikel 958; online veröffentlicht am 27.02.2014

Westermann, H. (2015a): Kälte ist für Erkältungsviren ideal. Menschenswetter Artikel 1164; online veröffentlicht am 15.01.2015

Westermann, H. (2015b): Immunsystem passt sich den Jahreszeiten an. Menschenswetter Artikel 1331; online veröffentlicht am 07.12.2015

Erstellt am 6. Februar 2017
Zuletzt aktualisiert am 6. Februar 2017

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