Wetter

Schneedecke schützt vor Kahlfrost

von Holger Westermann

Kahlfrost

Wer aus dem Fenster auf eine schneebedeckte Landschaft blicken kann, hat doppeltes Vergnügen: ein ästhetisches, denn das weißgehüllte Gefilde ist Winterlandschaft „wie gemalt“ und ein sensorisches, denn während der nun nahenden Kältewelle bleibt der Kahlfrost-Effekt erspart.

Das Skandinavien-Hoch „Brigitta“ lenkt mit seiner Luftströmung mit dem Uhrzeigersinn um das Zentrum Polarluft nach Mitteleuropa. Dauerfrost mit Tiefstwerten zwischen -8°C und -15°C wird erwartet. Glücklicherweise haben die letzten Tiefdruckgebiete weite Regionen mit Schnee bedeckt, nicht nur in den Hochlagen sondern selbst entlang der als Heizschlangen wirkenden Flußläufe blieb der Schnee liegen.

Ohne schützende Schneedecke, bei kahlem Boden, ist der Frost oftmals noch strenger als die offizielle Lufttemperatur ausweist, denn Meteorologen messen in 2m Höhe. Luft selbst ist ein schlechter Wärmeleiter, deshalb ist ein Luftpolster das durch Wolle oder Daunen am Köper gehalten wird auch ein effektiver Kälteschutz. Feuchte Luft kann dagegen Wärme sehr viel besser weiterleiten. Bei nasskalter Witterung oder wenn man unter der Kleidung schwitzt, schützt die ansonsten wärmende Hülle nicht mehr optimal. Genau dieser Effekt lässt die Luft direkt am Boden stärker auskühlen als in 2m Höhe. Die Bodenfeuchte verbessert die Leitfähigkeit für Wärme, die bei wolkenlosem Himmel ins Weltall entweicht. Unter Hochdruckeinfluss sinkt Luft aus großen Höhen der Atmosphäre ab und erwärmt sich dabei, von rund -50°C auf die aktuelle Lufttemperatur. Bei diesem sehr schwachen „Wind von oben“ bleibt die Luftmassenschichtung und damit die Temperatur der einzelnen Luftschichten stabil.

Bei Tag erwärmt die Sonnenstrahlung den dunklen Boden und taut das Wasser, in sternklaren Nächten ist die Wärmeabstrahlung dann maximal. Ganz anders die Situation über schneebedeckter Landschaft. Hier wird ein Gutteil der tagsüber eintreffenden Wärmestrahlung reflektiert. Über Schneefeldern bleibt es trotz Sonnenschein frostig. Doch nachts kühlt der Boden so stark aus. Der lockere Schnee hält ein Luftpolster, das wie eine wärmende Decke wirkt. Schnee gleicht die Tages- und Nachttemperatur in Bodennnähe an; ohne Schnee liegen sie weiter auseinander, da sich Kahlfrost bemerkbar macht.

Besonders drastisch sind die Folgen für die Landwirtschaft. Bei strengem Frost leiden die Pflanzen, beispielsweise das Wintergetreide. Rasch reicht der Frost so tief in den Boden, dass die Wurzeln Schaden nehmen. Schnee wirkt da wie eine schützende Dämmschicht. Ein vergleichbarer Effekt motiviert zu seltsamem Verhalten von Obstbauern, wenn Spätfröste die Blüte bedrohen. Sie versprühen Wasser als feinen Nebel über die heutzutage nur noch gut mannshohen Bäume. Dann legt sich eine feine Eisschicht über die empfindlichen Blüten. Dieser Eispanzer kühlt auf 0°C; schützt aber vor grimmigerem Frost der Luft.

Für wetterempfindliche Menschen gilt in den kommenden Tagen mit Dauerfrost: Nicht gleich frühmorgens ins Freie gehen. Ohne Schnee erwischt man dann noch das Kältemaximum, während die Sonnenstrahlung schon gegen Mittag wieder Wärme nachgeliefert hat. Mit Schnee ist es auch tagsüber kühl, doch im Sonnenschein wirkt die Strahlungswärme. Bei der trockenen Luft wird sie besonders intensiv empfunden, wenn man genau in diesen Momenten auf allzu dicke Kleidung verzichtet. Im Schatten wird es dann aber sofort wieder sehr kalt; dann benötigt man wieder solide Wintergarderobe.

Quellen:

Dipl.-Met. Christoph Hartmann: Kahlfrost. Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 15.01.2017

Erstellt am 16. Januar 2017
Zuletzt aktualisiert am 17. Januar 2017

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